Kostprobe
Das erste Mal in ihrem Leben verbrachte Cäcilia das Weihnachtsfest nicht mit ihrer Familie. An diesem Tag saß sie an der großen Tafel der Schwiegereltern. Alle vier Kinder waren zugegen, die beiden Älteren mit Gemahl und Gemahlin, Dorothea allein und Theodor mit ihr, der Tochter des vor einem Jahr verblichenen Dresdener Ratsherrn und Logenmeisters Othmar von Heringsdorf. Es gab einen prächtigen Gänsebraten mit Rotkraut und riesigen Kartoffelklößen. Frau von Appeldorn bemühte sich nach Kräften ihre Kinder und Schwiegerkinder zufriedenzustellen. Ihr Gemahl, Eduard von Appeldorn, grunzte hin und wieder wohlig und forderte seine jüngste Schwiegertochter des Öfteren auf, kräftig zuzulangen, damit sie für den Winter ordentlich etwas zuzusetzen habe und Theodor etwas in den Armen. Cäcilia dankte mit einem Nicken und lächelte charmant.
„Tja, dann dürfen wir also demnächst mit einer weiteren und weitaus kostspieligeren Hochzeit in dieser Familie rechnen“, bemerkte Herr von Appeldorn, während ein Dienstmädchen die Teller und Schüsseln hinaustrug, um den Nachtisch zu servieren. Neugierig sahen die Kinder und Schwiegerkinder auf den Hausherrn, Cäcilias Blick heftete sich sofort auf ihre Schwägerin und Freundin Dorothea, die, als sie es bemerkte, tief errötete.
„Nein, nein, Zezi, meine Hochzeit ist es bestimmt nicht … Herr Lamprecht ist ein vornehmer Herr, er …“.
Herr von Appeldorn unterbrach seine Tochter. „Ich spreche von der erweiterten Familie, verehrte Cäcilia.“ Mit einem Lächeln verneigte er sich ein wenig. „Ihre ehrenwerte Frau Mutter ist doch mit dem Grafen von Bronsky verlobt.“
Unwillkürlich gemahnte ihr Inneres sie zur Vorsicht, der seltsame Zug um die Lippen des Schwiegervaters war ihr nicht unbekannt; ihr eigener Vater trug ihn, wenn er sie zur Mutter befragte. „Nein, das wüsste ich, lieber Schwiegervater. Meine Mutter wird gewiss nicht wieder heiraten und schon gar nicht den Grafen. Sie ist glücklich, Großmutter geworden zu sein … nach etwas anderem steht ihr keinesfalls der Sinn.“
„Graf von Bronsky offenbarte es mir auf der Hochzeit höchst persönlich.“
„Das mag ja sein. Doch vermute ich beinahe, dass er es ohne das Wissen meiner Mutter tat.“
Zur Rechten des Hausherrn bewegte sich Frau von Appeldorn nervös hin und her. „Eduard, Cäcilia würde es doch …“.
„Papperlapapp!“, schnitt er Amalie das Wort ab und wandte sich mit geschmeidigem Lächeln seiner Schwiegertochter wieder zu. „Haben Sie ihn nicht persönlich auf das Hochzeitsfest geladen?“
„Das gebietet der Anstand. Graf von Bronsky erwies unserer Familie einen großen Dienst; erst durch seine Nachforschungen konnte Herr Direktor Kolbe Heinrichs Unschuld beweisen. – Außerdem ist er mit meinem Bruder verwandt, insofern ist es nur recht und billig, dass er auf unser Fest geladen war“, erklärte Cäcilia unumwunden.
Nachdenklich betrachtete Herr von Appeldorn die junge Frau. „Das mag ja alles sein – nur scheint er nicht aufrichtig zu sein, wenn er mir in Anwesenheit Ihrer teuren Mutter von einer Verlobung spricht. – Somit erklären sich mir auch die haltlosen Vorwürfe des Herrn Kolbe, die ja bekanntlich zur Aufhebung der Loge der Drei Eichen geführt haben. Zufällig weiß ich, dass der Graf in dieser Angelegenheit maßgeblich als Berater diente – welche geheime Stellung er auch immer innehaben mag.“
„Davon weiß ich nichts“, antwortete Cäcilia kühl.
„Das ist auch gar nicht wichtig, liebe Schwiegertochter“, sprach er beruhigend. „Die Sache wird sich demnächst ohnehin in Luft auflösen und dann wird der ehrwürdigen Loge Recht widerfahren. Der gute Direktor Kolbe wird sich in nicht allzu weiter Ferne für diesen eigenmächtigen und unhaltbaren Schritt zur Verantwortung ziehen lassen müssen.“ Er schob sich einen Löffel von der Eiscreme in den Mund und lächelte genüsslich, wahrscheinlich nicht nur wegen des köstlichen Nachtisches. „Inwiefern ist denn Ihr Herr Bruder mit dem Herrn Grafen verwandt?“
„Ich habe dieses Verwandtschaftsverhältnis nicht durchschaut, es scheint mir nicht allzu wichtig“, erklärte sie knapp.
„Oho, ist es nicht eine hübsche Sache mit einem echten Grafen verwandt zu sein?“, forderte Eduard von Appeldorn seine bewundernswert selbstbewusste Schwiegertochter heraus.
Missfällig runzelte Cäcilia die Stirne. „Ich bin ja nicht mit ihm verwandt, also muss es mich nicht berühren.“ Es war mucksmäuschenstill an der weihnachtlichen Festtafel.
„Nun gut, ich habe ein wenig meine Ohren gespitzt“, gab der Hausherr feierlich bekannt.
Cäcilia spürte ihre heißen Wangen. Sie musste sich wundern, dass keines der Kinder der von Appeldorns irgendeine Neuigkeit zum Besten gab, um diese Angelegenheit endlich zu beenden. Sie gab Theodor einen Tritt. Wie ein Chamäleon eines Schaustellermarktes wandte er sich ihr zu und lächelte sie stupide an. „Ich möchte bitte noch von dem Schokoladeneis!“, forderte sie ihn mit zornblitzenden Augen auf.
„Selbstverständlich, Cäcilia!“ Er reckte sich über die halbe Tafel, um die Schale zu angeln und hielt sie ihr hin.
Sie tat sich etwas auf. „Und von der Sahne bitte auch!“ Schweigend reichte Dorothea ihr die Kristallschale mit der Sahne. Zu ihrem Ärger nutzte keiner die Unterbrechung, um auch nur ein Wort zu sagen.
Als die Bewegung zur Ruhe gekommen war, holte der Schwiegervater geheimnisvoll aus. „Karl Ferdinand Graf von Bronsky trat mit der Vollendung seines achtzehnten Lebensjahrs in die Offiziersschule ein, absolvierte vorbildlich die verschiedenen Ausbildungsstufen. Er war bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr im Inneren Dienst tätig und schied dann aus persönlichen Gründen aus.“ Eduard von Appeldorn lächelte tückisch. „Seitdem lebt er zurückgezogen als Landmann auf einem Gut bei Königsbrück – so heißt es. Doch gibt es Quellen, die bezeugen, dass er bei Hofe ein- und ausgeht.“
Als er Cäcilia erwartungsvoll ansah, hob sie nur die Schultern. „Ja, das mag alles sein, doch weiß ich nichts darüber.“
„Ist Ihnen nicht bekannt, dass der Graf ein Gut bei Königsbrück besitzt?“
„Selbstverständlich weiß ich das – meine Mutter und Ella-Luise verbrachten ja im Herbst einige Tage dort“, antwortete sie gereizt und setzte sich etwas zurecht. „Verehrter Schwiegervater, ich denke, dass wir uns das köstliche Weihnachtsessen und den schönen Festtag nicht durch solche Erörterungen verderben sollten.“ Keck zwinkerte sie ihn an. „Insbesondere, da Sie Dinge von mir wissen wollen, die mich nicht interessieren, um nicht zu sagen, die mich sogar langweilen.“
Dankbar griff Frau von Appeldorn den Einspruch Cäcilias auf. „Ja, lieber Eduard, es gibt ja noch einen Mocca zum Abschluss … und dann könnten wir doch …“. Ohne seinen bewundernden Blick von der Schwiegertochter zu wenden, hob Eduard seine Hand und Amalie unterbrach ihre Erklärung. „Na, Theodor, da hat du dir ja eine Amazone ins Haus geholt! Man kann nur gratulieren.“