Einblicke

Wer ist eigentlich Ella-Luise?

Ende März reiste Gabriele mit ihrer jüngsten Tochter zur Kur nach Karlsbad. Entzückt von dem behaglichen Kurhotel und der beeindruckenden Stadt vergingen die Tage wie im Fluge. Ella-Luise schreckte vor keiner Aufmunterung zurück, sie ermutigte ihre Mutter zu Kartenspielen in kleinen Runden, sie unternahmen gemeinsam Ausflüge in den geschichtsträchtigen Ort und in die umliegende Natur […]

„Was ist denn, Mutter?“, fragte Ella-Luise beunruhigt, als sie bemerkte, wie deren Wangen die Farbe verloren und der geöffnete Brief in ihren Händen zitterte.

„Der … der Brief … ist nicht von Heinrich …“, flüsterte Gabriele bebend, ja, sogar verängstigt, wie es seit den letzten Wochen nicht mehr und in Karlsbad sowieso noch nicht vorgekommen war.

„Mutter, nun sag doch was ist!“, drängte Ella-Luise, nun selbst von Furcht ergriffen. So vieles ging ihr in diesem Augenblick durch den Kopf. War Celeste etwas geschehen? Hat Theodor die Verlobung gelöst? War Heinrich gekündigt worden oder war man in die der Langen Gasse eingebrochen und hatte das übrige Geld des Colliers gestohlen…?

„Es ist … es ist …“. Plötzlich schämte Gabriele sich für ihre kindische Bestürzung, dennoch blieb die Angst. Sie versuchte sich zu fassen. „Graf von Bronsky schreibt. Er möchte … er möchte uns einen Besuch abstatten … er sei ohnehin in dieser Gegend …“.

Ella-Luise lachte erleichtert auf. „Aber, Mutter! Das ist doch nichts Schlimmes! Das ist sogar wunderbar!“ Freudig klatschte sie in die Hände. „Ich finde das ganz famos. – Und weißt du was …“, fiel es ihr ein. „Im Grunde genommen ist er doch auf eine Art mit mir verwandt – weil er doch Heinrichs Cousin ist?“, stellte sie stolz fest und lehnte sich vergnügt zurück. „Und denk nur, wenn er zum Ball kommt, haben wir sogar einen Tischherrn!“

Während diesem munteren Geplauder ihrer Jüngsten war Gabriele zusammengesackt, ihre Hände beruhigten sich nicht. „Ja“, flüsterte sie ergeben.

„Ich verstehe nicht, warum dich das erschreckt, Mutter – findest du ihn nicht auch außerordentlich galant?“ Ein Diener räumte die Teller ab und servierte die Nachspeise. Diese Zeit nutzte Ella-Luise für Überlegungen und Gabriele, die Fassung wieder zu gewinnen. „Er überbrachte dir die Nachricht, dass Heinrich unschuldig ist, er eröffnete dir, dass du beinahe Herzogin geworden wärst …“, zählte Ella-Luise auf und seufzte schwärmerisch. „… und er selbst ist der Cousin Heinrichs Vaters …“. Sie hielt inne und ihre Wangen röteten sich. „Sag mal, Mutter … du hast noch nie von Heinrichs Vater erzählt …“. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Mutter vor sich hinstarrte und somit ihre gesamten Überlegungen offenbar nicht gehört hatte. „Na, ist auch nicht wichtig, Mutter. – Was ich nur sagen wollte, Graf von Bronsky überbrachte uns allein gute Nachrichten, er ist sozusagen unser Glücksbringer und darum verstehe ich deinen Unwillen nicht … sogar auf die Leibrente wies er dich hin – aber nicht nur das!“, rief sie angenehm überrascht. „Er selbst lässt sie uns regelmäßig zukommen.“ Verträumt lehnte sie sich zurück und sann darüber nach, dass dieses ritterliche Verhalten mindestens einen kleinen Aufsatz wert wäre, wenn nicht sogar eine ganze romantische Geschichte.

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