Gabriele – Eine Freundschaft

Eine weitere Kostprobe

Misstrauisch beäugte Ludwig seinen für den König in geheimer Mission tätigen Bruder. Nach längerem Schweigen auf allen Seiten stellte er fest: „Womöglich ist es für dich deswegen von Bedeutung, was ich über den Ratsherrn von Heringsdorf zu berichten hätte.“

„Das mag sein.“

„Dann hast du ihn auffliegen lassen?“

„Kanntest du ihn näher?“, fragte Karl, statt zu antworten.

„Nein.“ Abwägend wendete Ludwig sein Weinglas. „Das ist natürlich – gelinde ausgedrückt – eine ziemlich vertrackte Sache, wenn der eigene Bruder für den königlich sächsischen Geheimdienst wirkte. – Und wer weiß, in welcher Position.“ Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. „Vielleicht ist dir ja einiges über mich bekannt.“

„Hast du etwas zu befürchten?“

Ludwig lachte. „Muss nicht jeder freie Bürger etwas befürchten?“

„Jeder Bürger wohl schon …“. Karl schmunzelte. „Doch nicht jeder Untertan.“

„Oha! Hier entpuppt sich der wahre Monarchist.“

„Das ist kein Geheimnis, allein schon meine Stellung als Offizier entlarvt mich als Monarchisten.“

„Nicht zwingend!“, widersprach Ludwig. „Ich kenne einige Offiziere, die die Monarchie recht aufgeklärt betrachten.“

„Das ist erschreckend! Der Mensch neigt dazu, zum Verräter zu werden, wenn ihm dabei vermeintliche Vorteile oder Vergünstigungen winken. Dabei vergisst er allzu rasch das letztendliche und wahre Ziel.“

„Das hört sich beinahe philosophisch an. Doch was bedeutet das wahre Ziel? – Die Bankette des Königs finanzieren, indem ich ein guter Untertan bin, der seine Steuern pünktlich zahlt? Meinst du nicht, der Mensch kann ebenso gut oder sogar besser in den Himmel gelangen – soweit er das möchte – wenn er in Freiheit und Gleichheit lebt?“

„Diese Parolen locken allein den neidischen hinter dem Ofen hervor. Und das ist zumeist der, der noch mehr haben will und nicht der, der am Hungertuche nagt.“ Enttäuscht schüttelte Karl den Kopf. „Wahre Mängel, die dringend behoben werden müssen, nutzen dem, der sie womöglich verursacht und der den Schuldigen dort sucht, dessen Platz er selbst einnehmen möchte.“

„Du findest also die zunehmende Zensurierung aller Schriften gerechtfertigt, damit die Mächtigen in ihren Unternehmungen nicht gestört werden?“

„Für die Zensurierung bin ich nicht verantwortlich. Doch sehe ich sie in einem gewissen Rahmen gerechtfertigt – nämlich dann, wenn Lügen über die bestehende Ordnung verbreitet werden und in den Menschen künstliche Unzufriedenheit entfacht wird. Weil man ihnen eine Staatsform vorgaukelt, die aufgrund der großen Unterschiede der Menschen unmöglich bestand haben kann.“

Du musst natürlich so reden, denn du gehörst zur betuchten Oberschicht und möchtest diesen Wohlstand nicht missen.“

Karl lachte. „Wahrscheinlich genauso wenig wie du, lieber Ludwig. Doch verrate ich dir ein Geheimnis: Mein Gut beschäftigt rund vierzig Menschen. Das sind Menschen, die ihre unterschiedliche Aufgaben mehrheitlich zufriedenstellend ausfüllen – je nach Begabung oder persönlichem Hintergrund. Die meisten von ihnen besitzen eine große Familie, das bedeutet, dieses Gut ernährt mindestens hundertfünfzig bis zweihundert Personen . Und das seit mehreren Jahrzehnten verlässlich. daneben arbeite ich seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr ungefähr zehn Stunden am Tag – abzüglich sonntags – für die Sicherheit unseres Staatswesens. – Was wäre, wenn man mich enteignete und die Ländereien des Gutes gleichmäßig an meine Arbeiter verteilte? Kannst du mir die Frage wirklichkeitsnah beantworten?“

Ludwig verdrehte die Augen und stieß die Luft durch die Lippen. „Du betrachtest das viel zu verbissen, Karl! Lass uns doch einfach ein wenig schwadronieren und nicht gleich Rechnungen aufstellen. Der Mensch ist doch nicht allein zum Arbeiten geboren …“.

„Ganz gewiss nicht, das musst du mir nicht erklären. Er ist auch da, um sich an Gottes Schöpfung, an Kunst und Kultur zu erfreuen – die du allabendlich bei mir hoffentlich genossen hast. Doch frage ich mich, wer soll die Kunst und die Kultur in der Zukunft noch pflegen, wenn keiner mehr da ist, der der sich dafür einsetzt oder sie gar beherrscht.“

„Warum bist du so aufgebracht? Ich sagte doch schon, lass uns das Ganze ruhiger angehen.“

„Ich bin nicht aufgebracht, ich unterbreite dir nur Schwachstellen deiner Logik. Und trotzdem ich, deiner Ansicht nach, die Dinge zu verbissen betrachte, genieße ich das Schöne, was mir das Leben bietet, doch weiß ich auch, wo dieser Genuss seine Grenzen hat; ich nehme das Leben ernst.“

„Vielleicht ein bisschen zu ernst“, korrigierte der Jüngere.

Karl lachte offen. „Mein Beruf zeigt mir alle Abgründe des Lebens. Das bedeutet, ich kann es gar nicht zu ernst nehmen. – Zudem besitze ich nur dieses eine Leben, das möchte ich gut nutzen, schließlich ist es meine Eintrittskarte in die Ewigkeit.“

„Amen.“

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