Rückkehr nach Dresden
Erste Kostprobe

Celeste folgte den Klängen des Violoncellos. Ihr Vater zog sich hin und wieder in den Wintergarten zurück, um zu musizieren. An diesem Tag spielte er eine Suite von Bach – ihrer Stimmung angemessen, melancholisch.
„Darf ich mich dazusetzen, Vater?“
„Es ist zu kalt, mein Kind! Warte, ich hole dir die Wolldecke aus dem Wohnzimmer.“ Bevor er das Cello zur Seite stellen und aufstehen konnte, war Celeste in das Wohnzimmer gesprungen und nahm sich die Decke.
„Spiel doch etwas Munteres, Vater, oder bist du traurig gestimmt?“
„Nein, nur nachdenklich, und dann kommt mir Bach entgegen. – Möchtest du mich begleiten?“
„Ich wollte dir nur lauschen. – Spielst du aus der sechsten Suite die Gavotte und die Gigue für mich?“
George Avestone suchte eine Weile in seinen Notenblättern, fand das Gewünschte, vertiefte sich in die Noten und zog den Bogen im rasanten Tempo über die Saiten.
Celeste seufzte zufrieden.
Der letzte Ton verklang.
„Ich mag mich erinnern, als ich mit Frederic in das kleine Nebengebäude von Birmingham schlich, in welchem du damals jeden Morgen diese Suiten spieltest. Mama war ganz in Plaudereien mit Tante Isabel vertieft. Es war furchtbar aufregend den leisen Tönen zu folgen und dauerte unendlich lange, bis wir die rechten Türen öffneten. Zu unserem Glück übtest du immer sehr ausdauernd.“
Ihr Stiefvater lachte über Celestes Erinnerung. „Ja, es war überhaupt eine aufregende Zeit. Tante Isabel stand kurz vor der Geburt unserer Rebecca, dein Vater gab seit Monaten kein Lebenszeichen von sich und mein Haus war mit freundlichen Kindern angefüllt.“
Nachdenklich betrachtete Celeste ihren Stiefvater. „Während des Musizierens erholst du dich, nicht wahr?“
Mit einem Lächeln gab er es zu. „Aber nicht nur das, während des Musizierens ordnen sich meine Gedanken, ohne dass ich mich darum bemühen muss. Musik ist etwas Geheimnisvolles, etwas Göttliches.“
„Mein Lautenspiel war bis Dresden eine Selbstdarstellung. Erst dort habe ich Trost daraus schöpfen können. – Es war ein Entgleiten in eine andere Welt … ich wollte nicht mehr daraus erwachen. Applaus ist mir dort zuwider geworden.“ Sie lachte über sich selbst. „Wo ich zuvor so sehr danach strebte.“
„So lerntest du die wahre Tiefe der Musik erst in Dresden kennen.“
Sie nickte. „Wann lerntest du die Tiefe kennen?“
„Von Anbeginn war es meine Zuflucht. Dort konnte ich Kraft schöpfen.“
„Wovor musstest du fliehen?“, fragte sie verwundert. „Ein so vollkommener Mensch, wie du einer bist, muss doch aus einer tadellosen Familie erwachsen sein.“
Schmunzelnd sah er die junge und neugierige Dame an. „Nicht alles ist Gold, was glänzt.“
„War es dein Vater, der dir die Suppe versalzen hat?“
„Ich durfte viel durch ihn und an ihm lernen …“, sann er laut.
„Soso, an ihm! Das klingt wieder einmal undurchsichtig und damit vielversprechend. – Ich weiß nur, dass er Richter in Birmingham war. – Was war mit ihm?“
„Er gehörte dem gleichen Club an, wie der Stiefvater des Herrn von Heringsdorf.“
Celeste horchte auf. „Was ist das für ein Club? Bislang erzähltest du mir nichts davon und Herr Heinrich ebenso wenig.“
„Eine bösartige Vereinigung, die sich Wohltätigkeit auf die Fahne schreibt. Sie tun sehr gelehrt und menschenliebend, in Wahrheit sind sie die rechte Hand des Bösen. Die bevorzugte Klientel dieses Clubs sind Menschen, welchen das Ansehen und die Karriere wichtiger sind, als die Nächstenliebe. Vordergründig veranstalten diese Geheimbünde Wohltätigkeitsbälle und speisen die Armen, doch das ist nur Fassade. In allen einflussreichen Berufen pflegen sie ihre festen Bastionen, von welchen sie ihre hinterhältigen Tentakel ausstrecken, um neue Geldsklaven zu rekrutieren, und um ihre Einflussnahme und damit ihre Macht auszuweiten und zu festigen.“
Nie zuvor hörte Celeste den abgeklärten und stets maßvollen George Avestone in solcher Bitterkeit sprechen. Es schauderte sie. „Wann erfuhrst du von diesem Club?“
„Nun, ich kann dir kein genaues Datum nennen, doch bemerkte ich spätestens mit zehn Jahren, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, und mit fünfzehn wurde es mir deutlich. Ich hegte früh den Wunsch, Recht zu studieren, und zwar insbesondere, um meinen Vater zu widerlegen. Als Kind ist man feinfühlig und empfindet Unebenheiten – besonders in der Ehe der Eltern …“. Er brach ab und blätterte in den Noten.
Sie spürte, dass er für sein Gleichgewicht eine Grenze überschritten hatte, die er nie überschreiten wollte. Es tat ihr leid, also kam sie auf ihre eigene Angelegenheit zu sprechen. „Warum bemühen wir das Gericht nicht noch einmal, Vater?“
Der Anwalt wiegte milde den Kopf. „Die Kirche hat entschieden. Man darf die Herrschaften nicht verärgern. Es ist etwas anderes, ob ein weltliches oder ein kirchliches Gericht entscheidet. Lass noch ein wenig Zeit ins Land gehen und dann schauen wir, ob sich etwas getan hat.“
„Was sollte sich tun?“
„Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gründlich. Wir werden sehen.“
„Wie wird man über mich geurteilt haben, Vater? Darüber hast du mir nie etwas berichtet.“
„Herr Hofstetter ist das Opfer einer verwöhnten und launischen Gattin. – Ihn stört es nicht, dass die Ehe nicht aufgelöst wurde, seine Liebschaften sind auch ohnedies sündhaft …“.
„Meinst du, er sieht darin eine gerechte Strafe für mich?“
„Dieser Mann ist jenseits von irgendeiner Ordnung; die Frage ist, ob er überhaupt so viel darüber nachdenkt, dass er zu solchen Überlegungen kommen könnte.“
„Was denkst du über den Stiefvater von Herrn Heinrich?“
„Ein übler Geselle, der allein nach Einfluss und Macht strebt. Menschenleben sind ihm nicht viel wert. Nicht das der jungen Frau Hofstetter, nicht das des Sohnes und keinesfalls das Leben des Herrn Hofstetters – alles nur Spielfiguren, die nach Belieben eingesetzt und herumgeschoben werden.“
„Glaubst du, er würde mit seinen leiblichen Kindern auch so umgehen, wenn es ihm zupassekommt?“
„Vielleicht würde er einen kleinen Moment zögern, doch letztendlich würde er auch sie auf dem Altar der Macht opfern. Es ist eine Sucht, stets nach dem eigenen Vorteil zu schauen. Hat er einmal Blut geleckt, kann er sich diesem Sog nicht mehr entziehen.“
„Und Herr Jahner? Was ist das für ein Mensch?“
„Er ist Nutznießer. Selbst würde er diese Machenschaften nicht durchführen, doch lässt er andere gerne mutig für sich vorpreschen. Zu guter Letzt ist der andere Schuld, Herr Jahner ist sozusagen ‚unwissentlich‘ in etwas hineingeraten.“
Celeste dachte über die Tragweite des soeben Gehörten nach. „Herr Heinrich ist ein gerader Mensch, Vater. Er möchte keinem anderen Schaden zufügen, niemals, er ist sehr rücksichtsvoll. Und trotzdem ist er kein Mäuschen – er ist recht ungeniert.“
George Avestone lachte. „Das ist er. Er gefällt mir. Ich würde ihn gerne einmal persönlich kennenlernen.“
„Das möchtest du?“, entfuhr es Celeste überrascht.
„Selbstverständlich.“
„Und ich hatte den Eindruck, du bist nicht gar so unglücklich über den kirchlichen Schiedsspruch“, gestand sie verlegen.
„Das denkst du von mir?“, fragte er betroffen. „Ich sehe dich nicht gerne leiden – doch wenn ich alles getan habe, muss ich annehmen, was kommt.“
