Vierte Kostprobe
Im Kreise der Familie erbrach Gabriele das Siegel des gerichtlichen Dokumentes und las es vor. Diese Vorgehensweise war der Vorschlag Heinrichs, da die Mutter kopflos vor allen amtlichen Schreiben zurückschreckte; nun bewältigten sie diese unangenehmen Angelegenheiten gemeinsam. „Um Gottes Willen! Wovon sollen wir denn leben?“, entfuhr es ihr verzweifelt. In diesem Schreiben wurde Gabriele eröffnet, dass das gesamte Vermögen des Ratsherrn bis auf Weiteres eingezogen werde, um die Schäden, die durch dessen Umtriebe entstanden waren, halbwegs wieder gutzumachen.
„Ab wann steht es dir nicht mehr zur Verfügung?“, fragte Heinrich.
„Hier steht, es ist schon festgesetzt …“, sprach Gabriele kläglich.
„Morgen werde ich mich nochmals bei Stöckl vorstellen … und auch an anderen Orten, Mutter. – Verzweifle nicht, es findet sich immer ein Weg.“
„Bis in den Juli werde ich die Kolbetöchter unterrichten. Kolbes sind überaus großzügig. – Also haben wir bis dahin auch ein wenig Geld“, tröstete Celeste.
„Oh, nein, Sie dürfen nicht mehr unterrichten, Celeste! Es ist zu anstrengend. – Heinrich, du musst deiner Gemahlin verbieten, noch so lange zu Direktor Kolbe zu gehen.“
Lächelnd tätschelte Heinrich Gabrieles Hand. „Sie besitzt ihren eigenen Kopf, Mutter.“
Zuvor in Gedanken vertieft, meldete sich plötzlich Ella-Luise zu Wort. „Wir haben verschiedenste unnütze Sachen herumstehen und eine Menge Silberbesteck, außerdem das Meisner Porzellan von der Großmutter von Schleiwitz – das könnten wir alles dem Pfandleiher übergeben.“ Gabriele begann still zu weinen. „Ich dachte, du hängst nicht an den Sachen?“, fragte die Jüngste verwundert.
„Das tue ich auch nicht …“, sagte Gabriele. „Es tut mir so leid, dass das alles geschehen muss, wo doch Celeste und Heinrich ihr Kindlein im Sommer bekommen sollen …“.

Am nächsten Tag ließ sich Gabriele ohne das Wissen der Familie zum Juwelier und Optiker Zeiss bringen. In Ihrem bestickten Beutel verwahrte sie das teure Collier, welches Othmar ihr zum dreißigsten Geburtstag schenkte, um vor seinen Logenbrüdern zu glänzen.
Geräuschlos trat sie in das Geschäft, wurde jedoch sogleich vom alten Zeiss erspäht. Freundlich kam er ihr entgegen. „Womit darf ich der gnädigen Frau dienen?“ Da Gabriele – gleich wie vor wenigen Monaten – kein Wort hervorbrachte, half er ihr. „Ein Schreiben an Fürst Moritz?“, fragte er gedämpft, während er sie zu einem bequemen Sessel in einem unbelebten Winkel führte.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein … nein, nein!“ Fahrig hielt sie den Beutel hoch. „Hier … hier ist etwas drin, was ich Ihnen gerne wieder zurückgeben möchte … ich hab‘ es in den sechzehn Jahren wirklich nur einmal getragen … vielleicht könnten Sie mir … ein wenig Geld dafür geben …“.
Zweifelnd nahm Herr Zeiss das Beutelchen entgegen und warf einen Blick hinein. Er erkannte das aufwändig gearbeitete Collier sofort. Flink holte er ein kleines mit Samt bezogenes Tablett, zog vorsichtig die mehrreihige Halskette aus dem Säckchen und breitete sie darauf aus. Nachdenklich betrachtete er das Geschmeide und schüttelte den Kopf. „Verehrteste Frau von Heringsdorf, dieses Schmuckstück ist ein Vermögen wert.“
Scheu sah sie den angesehenen Goldschmied und Optiker an. „Ich möchte es veräußern. Sehen Sie eine Möglichkeit?“
„Tja, nun, ich muss darüber nachdenken. Wissen Sie, es ist ziemlich viel Geld – selbst ein betuchter Kaufmann gibt selten solch ein Vermögen für Geschmeide aus. Ich muss darüber nachdenken. Nehmen Sie es bitte wieder mit. Ich werde Sie in Kenntnis setzen, sobald ich eine Lösung gefunden habe.“
„Ich wäre Ihnen so dankbar, würden Sie eine Lösung finden … ich bin auf das Geld angewiesen.“ Die letzten Worte flüsterte sie.
