Dritte Kostprobe

Vor sehr langer Zeit war Albert Kolbe ebenfalls Teilnehmer einer Jagdgesellschaft gewesen. Es war jedoch eine Gesellschaft anderer Art, die der Großvater aber mindestens ebenso schätzte wie seine adligen Gäste. Es war eine Schar von Studenten höheren Semesters. Am Tage wurde auf die Pirsch gegangen und am Abend bis in die Nacht disputiert. Die Gesellschaft blieb fünf Tage lang, es war herrlichster Altweibersommer. Sie war mit Heinrich oft draußen auf der Wiese an dem Vorplatz, wo der Kleine mit Wonne an dem niedrigen Mäuerchen spielte. Auf diesem Vorplatz sammelten sich stets die Gesellschaften vor der Jagd und bei warmem Wetter saß man dort an langen Bänken zum Mittagsbrot beisammen. Das Feldsteinmäuerchen bot Heinrich genau die richtige Höhe, damit er seine kleinen Tiegelchen daraufstellen und mit Bucheckern, Grashalmen und trockenen Fichtennadeln befüllen konnte. Seine Kinderfrau war stets in der Nähe und nahm den Kleinen mit, wenn er auf das Töpfchen musste oder Trost durch die Amme benötigte.
Das erste Frühstück seit deren Ankunft am Tage zuvor, das übrigens sehr spät ausfiel, wurde von den jungen Herren und dem Großvater auf diesem Vorplatz eingenommen. Offenbar hatte man bis tief in die Nacht zusammengesessen und die zweite Jagd verschoben. Sie war mit Heinrich bereits eine Weile draußen und glaubte die Gesellschaft schon verstreut im Wald. Geschäftig fingen die Bediensteten an, das Morgenbrot für zehn muntere Herren und deren Gastgeber auf den grob gehauenen Bänken zu richten. Heinrich jauchzte und half ebenso geschäftig mit, indem er an verschiedene Plätze seine Tiegelchen verteilte, die er zuvor emsig mit lauter Unrat befüllte. Ein junger Herr war eine viertel Stunde früher auf dem Vorplatz erschienen als seine Gefährten, offensichtlich um seine Brust mit frischer morgendlicher Waldluft zu füllen, dabei entdeckte er den kleinen Heinrich und genoss dessen munteres Hin und Her. Einmütig lachte er mit ihr über den drolligen Burschen, welcher den Dienern zwischen die Beine lief, um eifrig zu helfen. Unversehens kamen die anderen Herren auf den Platz, so dass sie es vorzog, den Ort zu wechseln. Das Kindermädchen hob den protestierenden Knaben aus dem Gewirr der langen Männerbeine und brachte ihn nach hinten in den Obstgarten zur Schaukel, wo sie ihren Sohn bereits erwartete. Als sie die Jagdgesellschaft in der Dämmerung heimkehren hörte, drängte es sie an das Fenster. Der junge Mann hatte sich am Morgen so herzlich über ihren Heinrich gefreut und sie so frisch angelächelt, dass sie ihn heimlich noch einmal betrachten wollte. Ob sie ihn unter den anderen wohl wiederkannte? Sogleich fiel er ihr ins Auge, obwohl nichts Besonderes an ihm war, er war nicht herausragend groß und auch nicht klein, die Frisur ganz ähnlich wie die der Kollegen, und die Kleidung, die eines einfachen Studenten. Es musste also tatsächlich die aufrichtige Freundlichkeit gewesen sein, die sie erwärmt hatte. Just in dem Moment, wo sie betrachtend in diese Gedanken versunken am Fenster stand, sah er hinauf. Sie erschrak und ging sogleich ein paar Schritte in das Dunkel des Zimmers zurück. Das Unglück, welches ihr vor drei Jahren widerfahren war, durfte sich keinesfalls nochmals wiederholen, das hatte ihr die gestrenge Mutter eingebläut. Am nächsten Morgen, der genauso schön erstrahlte wie jener zuvor, zog es sie wieder auf die Wiese am Mäuerchen. So war Heinrich glücklich und sie selbst war klüger geworden. An jenem Tage frühstückten die jungen Herren nicht draußen im Sonnenschein, trotzdem trat der Gestrige mit einem Buch in der Hand auf die Treppe zum Vorplatz. Er ließ seine Augen über den umliegenden Wald schweifen, der sich an diesem herrlichen Spätsommermorgen dampfend reckte; nach wenigen Sekunden entdeckte er sie und grüßte lächelnd, indem er kurz seine Mütze lüftete. Heinrich hantierte bereits geschäftig und brachte dem frühen Gast wankend ein gefülltes Tiegelchen, der neigte sich zu dem kleinen Kerl hinunter und nahm das Schälchen dankend entgegen. Er tat, als ob er den künstlichen Schmaus genüsslich verzehre, und rieb sich hernach das Wams. Heinrich quietschte vor Vergnügen und eilte, um eine neue Leckerei zu bringen. Das Kindermädchen wollte Heinrich daran hindern, doch gab sie der durch ein Zeichen zu verstehen, dass sie ihn gewähren lassen solle. Der junge Mann kam Heinrich entgegen, damit er nichts von seiner kostbaren Speise verschütte, und somit kam er auch in ihre Nähe. Als Heinrich ein drittes Mal zu seinem Küchenmäuerchen eilte, bekundete der junge Mann, dass so ein Kerlchen einem das Herz erwärme und die Mutter einen wahren Schatz unter ihren Fittichen habe. Sie spürte, wie sie darüber errötete, denn sie glaubte, er wolle ihr ein Kompliment machen. Erst später stellte sich heraus, dass er annahm, Heinrich sei das Kind der Erzieherin und nicht das ihre. Wie glücklich er strahlte, als sie ihm später gestand, dass Heinrich ihr Sohn sei. So einen Jungen könne sich jeder Mann nur wünschen, rief er damals aus. Drei Monate nach ihrer ersten Begegnung im Jagdschlösschen des Großvaters hielt er in Dresden um ihre Hand an. Mindestens ebenso viele Monate dauerte es, bis sie nicht mehr weinen musste, wenn sie an ihn dachte. Das strickte Nein der Mutter war unumgänglich, niemals würde diese die einzige Nachkomme des Maximilian von Schleiwitz einem Bürgerlichen zur Gemahlin geben. – Doch besaß sie auch ihren Dickkopf, ihren kostbaren Heinrich würde sie unter allen Umständen mit in eine Ehe nehmen und sei es der Kaiser von China persönlich, der um ihre Hand anhalten werde, oder sie wolle für immer ledig bleiben.
