Gabriele – Angebot einer Freundschaft

Zweite Kostprobe

Der Kaffeetisch wurde mit großer Sorgfalt und viel Liebe hergerichtet, voll freudiger Erwartung halfen viele Hände tatkräftig mit. Sonnenflecken tanzten auf dem, mit zart rosa Blüten der Clematis und blauen Flockenblumen geziertem Tuch und dem feinen Porzellan – und alles war überspannt von dem lichten freundlichen Grün der Glyzinien. Als erster Gast erschien Herr Theodor von Birnbaum. Er war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren, hatte sein Studium der Theologie vor einem halben Jahr abgeschlossen und absolvierte nun sein Vikariat unter den Fittichen des Pastoralrates, Pastor Bodmer, in der Frauenkirche. Er war von stillem und bescheidenem Wesen und verehrte die etwas spröde Cäcilia schon seit drei Jahren. Der Wirbel um den Ratsherrn hatte ihn nicht aus der Ruhe gebracht, denn sein Vater war selbst Mitglied der Loge und erklärte ihm, dass der König das Gras wachsen höre. Mit seinem Freitod habe der Ratsherr zwar wahrhaftig übertrieben, kaum wäre ihm etwas nachzuweisen, aber er war nun einmal ein gewissenhafter Mann gewesen, dem die ganze Angelegenheit zu nahe gegangen sei.

Nun war die Zeit bereits fortgeschritten und Ella-Luise bangte um das Kommen des Grafen. Alles hatte sie sich so hübsch ausgemalt, sogar den ‚Tanzsaal‘ hatte sie mit kleinen Girlanden ausgeschmückt.

„Ich denke, wir sollten schon Platz nehmen, vielleicht ist Graf Bronsky etwas dazwischengekommen. – Was denkst du, Mutter?“, wandte sich Heinrich an Gabriele, die am Fenster in der Sonne stand und in die Krone der Linde sah. Sie pflichtete ihrem Sohn bei und lud alle nach draußen in den Garten ein. Fräulein Agnes und ein Dienstmädchen trugen Kuchen und eine Torte auf und brachten den heißen Kaffee. Artig lauschte Theodor den Mädchen, die ihm freudig von dem Ablauf des belehrenden Tanzvergnügens berichteten, wobei Cäcilia ihre jüngere Schwester ab und zu in die Schranken weisen musste.

„Hoffentlich kommt er noch, sonst ist alles umsonst!“, jammerte Ella-Luise schließlich.

„Nein, es ist nicht umsonst“, schmunzelte Celeste verschmitzt. „Cäcilia spielt den Walzer, Herr von Birnbaum wendet ihr die Notenblätter und du tanzt mit Heinrich, während ich euch Anweisungen gebe.“

„Oh, nein, liebe Schwägerin, kommt gar nicht in Frage“, widersprach Cäcilia mit erhobenem Zeigefinger. „Du wirst deine Laute bemühen, eben doch Tanzmusik hervorzubringen, und dann werden Theodor und ich zum Tanze schreiten und Ella-Luise begnügt sich mit Heinrichs Tanzkünsten!“

Ella-Luise klatschte in die Hände. „Das ist eine fantastische Idee!“ Sie stutzte plötzlich. „Aber dann fehlt der Tanzlehrer …“.

„Ist dieser Graf Bronsky ausgewiesener Tanzlehrer?“, fragte Theodor misstrauisch.

„Ja. – Er unterrichtet seit vierzig Jahren im Hospital für Kriegsversehrte“, bestätigte Ella-Luise gewichtig.

Verunsichert sah Theodor in die Runde. Die Schwägerin nickte ernst, Frau von Heringsdorf sah zerstreut auf dem Tisch umher, der älteste Sohn des Ratsherrn lächelte breit und Cäcilia sah mit zusammengepressten Lippen auf ihren Teller, um nicht laut zu lachen. Da trat Fräulein Agnes in den Garten und kündigte Graf von Bronsky an. Die jungen Leute sprachen freudig durcheinander. Gabrieles Herz schlug ängstlich rascher, was jedoch keiner hörte.

Ein auffällig vornehmer und schöner Herr kam den gepflasterten Gartenweg auf die Laube zu und verneigte sich zur Begrüßung lächelnd. Rasch sah Ella-Luise zu Theodor und triumphierte innerlich. „Verzeihen Sie vielmals meine Verspätung, Frau Gabriele! Leider wollte man mich so schnell nicht ziehen lassen, ich musste zu einigen Angelegenheiten noch Rede und Antwort stehen.“ Heinrich führte den Grafen an den freien Platz.

„Haben die Herrschaften im Versehrtenhospital Sie gar zu sehr in Anspruch genommen?“, bedauerte Ella-Luise den Grafen.

„Wie meinen, Verehrteste?“, fragte der mit schmalen Augen.

„Na, letzthin erzählten Sie doch, wie unersättlich die Gebrechlichen im Hospital immer wieder den Walzer erlernen und tanzen wollen …“. Mit ernster Miene beschwor sie ihn. „…, so dass Sie schon einmal Reißaus nehmen mussten, obwohl der königliche Kommerzienrat zugegen war, um Ihre tänzerischen Künste zu überprüfen …“.

Des Grafen Miene hellte sich erinnernd auf und er lachte. „Ja, ja, diese Woche war es wieder entsetzlich; besonders die beinlosen Herrschaften können nicht genug kriegen. – Ich habe meinen Rückzug aus diesem anspruchsvollen Geschäft bereits angekündigt.“

Cäcilia prustete, Heinrichs Gesicht verriet amüsiertes Staunen und Celeste wiegte bewundernd den Kopf über den Schalk ihrer jungen Schwägerin, aber auch die Gewandtheit des Grafen beeindruckte sie zunehmend.

Der Graf ließ den Blick über den Garten und das Innere der Laube schweifen. „Was für eine herrliche Laube und was für ein bezaubernder Kaffeetisch“, freute er sich. „Genau danach steht mir nach dieser anstrengenden Woche der Sinn!“ An den weiß lackierten Pfeilern, die das lichte Dach hielten, wanden sich neben Glyzinie, Geißblatt und Clematis. „Ich wusste gar nicht, dass Frau Gabriele solch ein Kleinod hinter dem Hause pflegt!“ Freundlich lächelte er sie an. „Aber ich hätte es mir eigentlich denken können.“

Der rasche und aus heiterem Himmel getriebene Schabernack hatte Gabrieles Geisteskräfte überstiegen, doch jetzt, wo der Graf sich dem widmete, was sie erfüllte, öffnete sich ihr Verstand. „Danke“, sagte sie leise.

Nun entdeckte der Graf in der Runde den jungen Herrn neben Cäcilia. „Ah, ein unbekanntes Gesicht!“ Er erhob sich ein wenig. „Bronsky mein Name!“

„Angenehm, Theodor von Birnbaum.“ Auch Theodor lüpfte seinen Allerwertesten ein paar Zentimeter.

Die beiden Töchter von Heringsdorf verteilten den Kuchen und man begann nun auch den Tanzlehrer in die Überlegungen der Vorgehensweise einzuweihen. Während Graf von Bronsky den Mädchen entgegenkommend zuhörte, musterte der junge Prediger den hinzugekommenen Gast. Ihm war, als hätte der Vater diesen Namen Bronsky schon einmal in einem unangenehmen Zusammenhang erwähnt, doch wollte es ihm nicht in den Sinn kommen.

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