Gabriele – Angebot einer Freundschaft

Erste Kostprobe

„Graf Bronsky ist nicht nur ein famoser Tänzer, zudem verehrt er dich, Mutter!“ Ella-Luise bemühte sich, ihrer Mutter am Frühstückstisch ihre Beobachtung vom Abend darzulegen. „Also, ich an seiner Stelle wäre wahrhaftig gekränkt.“

„Ella-Luise, es ist ein Hirngespinst; du wünscht es dir, und darum …“.

Zurückweisend schüttelte Luischen den Kopf. „Mutter! Ich könnte jetzt zu Hoffmanns gehen, zu Ehepaar Rasokat, eigentlich zu allen, die gestern am Ball teilgenommen haben; alle würden mir bestätigen, dass unser Tischherr dir ganz besondere Aufmerksamkeit schenkte.“

„Es ist selbstverständlich, dass der Tischherr seinen Damen besondere Aufmerksamkeit schenkt, es wäre peinlich …“.

Frau Hoffmann trat an den Tisch von Mutter und Tochter von Heringsdorf. Entgegenkommend lächelte sie. „Darf ich mich noch für einen Kaffee zu Ihnen setzen, meine Damen?“, fragte sie, während sie sich bereits niederließ. „Mein Gatte hat heute Morgen seine kleine Trinkkur in der Karlstherme.“ Gabriele nickte ergeben, hingegen Ella-Luise die Stirne ein wenig kraus zog. „Der Ball war wirklich gelungen, meine Damen, nicht wahr – so gute Musiker und so ein charmanter Tanzmeister!“ Zufrieden wiegte sie den Kopf. Schließlich musterte sie die stille Frau von Heringsdorf. „Aber jetzt muss ich Sie wirklich einmal fragen, wer der beeindruckende Herr an Ihrer Seite war, Frau von Heringsdorf? Man sagte mir gestern zu später Stunde, er sei Ihr Bruder …!“ Zweifelnd hob sie die Augenbrauen. „Doch irgendwie kann ich das kaum glauben.“ Verschworen lächelte sie und neigte sich vor. „Obwohl er solch prächtige blonde Haare trägt wie Sie, Verehrteste.“

Hilfesuchend sah Gabriele ihre Tochter an.

„Er ist mein Cousin – also eigentlich mein Großcousin!“, antwortete Ella-Luise unbefangen.

„Also Ihr Cousin, Frau von Heringsdorf?“

„Nein, er ist der Cousin des verstorbenen Verlobten meiner Mutter“, erklärte Luischen wichtig. Gabriele wollten die Sinne schwinden. Frau Hoffmanns Gesicht verzog sich ungläubig. Doch dann lachte sie fröhlich. „Das wird mir jetzt wahrhaftig zu verstiegen! – Wie heißt denn der werte Herr?“

„Er ist ein von Bronsky“, flüsterte Ella-Luise bedeutungsvoll.

„Von Bronsky …“, sann Frau Hoffman nach. „Ist das Dresdner Adel oder kommt er aus Polen?“

„Selbstverständlich aus Dresden! Es ist eine sehr berühmte Familie mit vielen Verbindungen zum Königshaus.“

„Was Sie nicht sagen, kleines Fräulein!“ Argwöhnend musterte Frau Hoffmann die Mutter des jungen Mädchens. Diese saß versteinert auf ihrem Stuhl und sah ausdruckslos in die Ferne.

Ein Diener trat an den Tisch und bot Gabriele auf einem kleinen silbernen Tablett eine Visitenkarte dar. „Verehrte Dame, Graf von Bronsky wünscht Sie zu sprechen.“

Da Gabriele begriffsstutzig auf das Tablett starrte, nahm Ella-Luise die Angelegenheit in die Hand. „Führen Sie ihn sogleich an unseren Tisch und bringen Sie noch ein Gedeck, bitte!“

„Sehr wohl, gnädiges Fräulein!“

Wenige Augenblicke später trat Graf von Bronsky mit freudigem Strahlen an den Tisch. „Guten Morgen, meine Damen! Ich hoffe, Sie haben nach diesem erfreulichen Ball wohl geruht!“ Höflich verneigte er sich.

„Schauen Sie, Herr Graf, es ist bereits für Sie gedeckt!“, begrüßte Ella-Luise stolz den Cousin. „Setzen Sie sich bitte!“,

„Vielen Dank!“ Ein Diener schenkte ihm Kaffee ein und fragte nach seinen Wünschen. „Ein Kaffee genügt, ich habe bereits gefrühstückt.“

Zögernd erhob sich Frau Hoffmann. „Nun gut, verehrter Herr Graf, ich möchte nicht weiter stören. Gewiss möchten Sie mit Ihren Cousinen noch einiges klären …“.

„Cousinen?“ Graf von Bronsky lachte einnehmend. „Das ist auch einmal ein hübscher Verwandtschaftsgrad! Die Wahrheit ist, Frau von Heringsdorf ist meine Schwägerin und es ist tatsächlich so, dass ich noch das eine oder andere vor meiner Abreise mit diesen teuren Damen klären muss.“

Ella-Luise bekam glühende Wangen, unterdrückte jedoch ein vergnügtes Glucksen. Frau von Heringsdorf schien mit den Gedanken immer noch an einem anderen Ort zu weilen. Frau Hoffmann zog sich mit einem kleinen Knicks endlich zurück.

Freundlich wandte sich Graf von Bronsky an Gabriele. „Ich möchte Ihnen für den schönen Abend danken, Frau Gabriele, und mich bei Ihnen verabschieden. Leider muss ich bereits schon heute wieder zurück nach Chemnitz – ich hatte gehofft, wenigstens noch den Nachmittag mit Ihnen verbringen zu dürfen …“.

Gabriele sah unruhig vom Grafen zu Ella-Luise und wieder zurück und senkte schließlich den Blick. Auf einen kleinen Wink des Grafen verließ Ella-Luise den Tisch. „Wohin gehst du, Ella-Luise?“, rief Gabriele ihr kleinmütig hinterher.

Luischen eilte zurück. „Ich bin sofort wieder da, ich möchte Graf Bronsky nur etwas vom Zimmer holen“, beruhigte sie die Mutter lächelnd und verschwand.

„Ja, dann wünsche ich Ihnen eine angenehme Reise, Herr Graf … wann kehren Sie nach Dresden zurück?“, versuchte Gabriele, höflich Konversation zu treiben.

„Ich werde vor Ihnen wieder in Dresden sein, Frau Gabriele, und hoffe sehr, Sie dort bald wieder zu sehen.“ Die Stimme des Grafen war ernst und verbindlich.

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