Fünfte Kostprobe Celeste oder Ankunft in Dresden

Sie hatte es geschafft! Siebenzehn Tage nach ihrer Abfahrt aus Dresden stand Celeste erschöpft vor dem Themseweg 8 in Chelsea und hatte soeben am Klingelzug gezogen. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die Tür und freundlich sah ihr die Hauswirtschafterin entgegen. Plötzlich riss die überrascht die Augen auf und entließ einen Schreckenslaut. „Celeste! Kind, kommen Sie herein! Um Gottes willen! Was ist geschehen? Ihre Mutter … so warten Sie einen Moment …“.

„Beruhigen Sie sich, Frau Moss! Holen Sie einfach meine Mutter. Ich finde mich schon zurecht.“

In diesem Augenblick ging die Tür des Wohnzimmers bereits auf und entgeistert trat Anna in die kleine Halle. Eilig kam sie ihrer Tochter entgegen und drückte ihr geliebtes Kind an sich. So lagen sich beide schluchzend eine Weile in den Armen. Frau Moss zog sich still zurück, um dem Dienstmädchen Anweisungen für Celestes Zimmer zu geben und selbst ein Essen vorzubereiten; eindeutig musste das Kind kräftig genährt werden.

Anna half ihrer Tochter aus Jäckchen und Schuhen, führte sie in das Wohnzimmer und ließ sich mit ihr auf das Sofa nieder. „Liebstes Kind! Warum ist mir das Glück so hold, dass ich dich in den Armen halten darf? – Was haben wir uns gesorgt! – Liebste, erzähl alles!“

Celeste zog die Beine hoch, legte ihren Kopf in den Schoss der Mutter und seufzte. „Bei dir sein zu dürfen, Mama, das ist das höchste Glück.“ Sie schloss die Augen und schlief augenblicklich ein.

Endlos fuhr Anna liebkosend über Gesicht und Haar ihres tapferen Töchterchens; was musste ihr Mädchen ausgestanden haben? Hatte sie die weite Reise von Dresden nach London ganz allein unternommen oder war ihr Gatte mitgereist und noch geschäftlich unterwegs? – Nein, ihr Himmelsgeschenk sah ganz abgezehrt aus, sie roch sogar ein wenig streng, das heißt, sie war allein gereist und hatte somit einige Strapazen auf sich genommen. Armes Kind!

Die Wohnzimmertür ging auf und Betsy trat mit Magdalena an der Hand herein. Lenchen machte sich los und eilte zur Mama, auf deren Schoß eine Fremde lag. Mama hielt den Finger an die Lippen. Vorsichtig betrachtete sie die Frau. „Das ist Celli, Mama!“, rief die Kleine endlich froh.

„Ja, das ist unsere Celli! Sie ist ganz erschöpft von der langen Reise, wir wollen sie schlafen lassen“, flüsterte Anna. Vorsichtig hob sie die Schultern ihrer Ältesten an. „Helfen Sie mir, Betsy!“

Mit der umsichtigen Hilfe der leise schniefenden Betsy konnte Anna ihren Platz verlassen, ohne Celeste geweckt zu haben. Behutsam deckte sie die tief schlafende Frau Ingenieur Hofstetter mit einer Wolldecke zu, um mit Dienstmagd und Jüngster das Wohnzimmer zu verlassen.

Anna richtete mit Marie das Zimmer für Celeste, ihren Koffer ließ sie hochbringen und entnahm ihm alle Schmutzwäsche und die zerknitterten Kleider und übergab sie Marie für den Waschtag, alle anderen Utensilien ließ sie unberührt darin liegen. Schließlich holte sie von Celeste abgelegte Kleider aus der Truhe vom Speicher und gab sie der Dienstmagd zum Auslüften und Plätten. Alle halbe Stunde schlich sie in das Wohnzimmer und betrachtete staunend ihre Tochter. Was hatte sie sich das ganze Jahr gesorgt; ihre plaudernde und herzausschüttende Älteste war hinter einer frohgemut scheinenden Fassade nahezu stumm geworden. Bereits nach den ersten Wochen ihrer jungen Ehe erwähnte sie kaum den Gemahl, was Anna wahrlich beängstigte, denn in nahezu jedem Brief klang Einsamkeit und manchmal sogar Schlimmeres durch. Celestes Zurückhaltung konnte nur mit einem Leid zusammenhängen, dass sie eisern zu verschweigen gedachte. Während des verflossenen Jahres hatte Anna mit ihrem Gatten alle in Betracht kommenden Möglichkeiten durchgesprochen, doch letztendlich erklärte der ihr Schultern hebend, es müsse Celestes eigener Wunsch sein, sich zu öffnen, und nur dann könne man ihr behilflich sein. Seit Dezember bot sie ihr in jedem Brief an, mit Magdalena nach Dresden zu kommen, sie würde auch in einem Gasthaus wohnen, wenn es ihr lieber wäre. Scheinbar unbeschwert lehnte diese jedes Angebot ab. – Nun war sie endlich da! Zu ihrem Kummer gab Celestes Zustand ihren Befürchtungen recht. Doch spätestens am nächsten Morgen würde sie hoffentlich alles erfahren.

„George, unsere Celeste ist da!“ Mit dieser ungewöhnlichen Nachricht empfing Anna ihren Gemahl am Abend bereits an der Tür.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Erlaubst du dir einen Scherz mit mir?“

„Komm!“ Sie führte ihn in das Wohnzimmer, in dem Celeste seit vier Stunden tief und fest schlief.

Der Anwalt ließ sich zum Sofa führen, er beugte sich vor und nickte. „Sie ist es tatsächlich! – Sie riecht ein wenig streng.“

„Das arme Kind war auf dieser langen Reise ganz auf sich gestellt – ist es da ein Wunder?“ Annas Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Stell dir vor, was muss sie erlebt haben, dass sie ohne Ankündigung hier vor der Tür steht!“

George Avestone nahm seine Frau in die Arme. „Jetzt haben wir sie bei uns, Anna.“

(Seite 208 – 210)

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