Kostprobe aus Celeste oder Ankunft in Dresden

Bristol, 2. Juni 1820

Verehrter Herr Hofstetter,                               

mit Ihrem letzten Brief haben Sie mir ordentlich Angst eingejagt. Gut, dass meine liebe Mama und Onkel George (mein Stiefvater) bemerkenswert vernünftige Menschen sind und mir ebenfalls genügend Verstand bescheinigen, um Ihre rasante Vorgehensweise in aller Ruhe zu begutachten. Sie können mir glauben, dass ich mich ziemlich gebauchpinselt fühle, von einem stattlichen deutschen Ingenieur umworben zu werden. Trotzdem werde ich das Licht in meinem Oberstübchen nicht ausblasen und Ihnen mit wehenden Fahnen zu Füssen liegen – so hat mein seliger Vater und auch meine zärtliche Mutter mich nicht erzogen.

Doch werde ich wiederum auch nicht die überaus unterhaltsame Brücke abbrechen – dafür bin ich viel zu neugierig! Verzeihen Sie, natürlich ist es nicht nur Neugier, sondern mindestens ein Fingerhut voll Geneigtheit, die mich – trotz Ihrer gar nicht englischen Art! – diese Brücke nicht abreißen lässt. Vielleicht haben Sie sich in englischer Wortwahl ausgedrückt, doch haben Sie es mit deutschem Charakter getan.

Nun möchte ich Sie nicht weiter schelten, denn dafür sehe ich mit zu geringer Gleichgültigkeit auf diese Brieffreundschaft.

Lieber möchte ich Ihnen aus meiner ‚im höchsten Rufe stehenden‘ Lehranstalt für Erzieherinnen berichten, damit Sie mir ein paar ermunternde Worte spenden.

Es schmeckt unserem Geschichtslehrer nicht, dass ich so gute Kenntnisse besitze, obwohl ich ein Frauenzimmer und gerade mal siebzehn Jahre alt bin. Außerdem weiß jede Lehrperson, dass ich Papistin bin, was sie mich alle spüren lassen – außer unsere liebenswerte Handarbeitslehrerin, Fräulein Genver. Sie ist zu allen Anwärterinnen überaus freundlich, ganz gleich welcher Herkunft oder welcher Konfession. Hingegen die Madame in Hauswirtschaftslehre hat mich regelrecht gefressen; jede noch so kleine Regung meinerseits bemängelt sie und ist sich auch nicht zu blöde, stets meinen ‚Aberglauben‘ für meine ‚Verstocktheit‘ anzuführen. Darum würde ich Sie bitten, Herr Hofstetter: Beten Sie darum, dass es mir gelingt, mein vorlautes Mundwerk im Zaum zu halten. Onkel George legte mir ‚Feingefühl‘ ans Herz, bevor ich am Anfang des Monats meine geliebte Familie verlassen musste – oh, wie sehr sie mir fehlen, meine Lieben daheim! Ich gestehe es, jeden Abend muss ich mich zwingen, nicht meine Koffer zu packen, obwohl ich wahrhaftig nie ein von Heimweh geplagtes Kind war.

Es gibt auch Erfreuliches zu berichten. Ein Fräulein Evina Parker aus Winchester teilt mit mir das Zimmer – die Arme ist es nicht gewohnt, dass noch ein zweiter in ihrem Gemache schnarcht. Sie ist sehr umgänglich und in ihrer Weltfremdheit äußerst putzig. Wir mögen uns. Und nun kann ich Sie, verehrter Herr Hofstetter, endlich nach einem Freund fragen; haben Sie ihn gefunden – den Menschen, mit dem Sie sich in Llangollen verbunden fühlen? Vielleicht sogar ein Mensch, dem Sie Ihr feuriges Herz in Sachen Liebe ausschütten können – denn das muss es ja sein, würden Sie mir sonst nach vier! Briefen einen Antrag machen? Sie dürften ihm sogleich anvertrauen, dass Ihre Angebetete einen sehr eignen Kopf besitzt und nur aus tiefer Liebe heiraten wird – und nicht weil der Bewerber ein Ingenieur, Deutscher oder gar gutaussehend ist. Alles ganz hübsche Prädikate, jedoch noch lange nicht ausreichend, um das Herz der Celeste Williams, Tochter des heldenhaften Kapitäns der königlichen Kriegsmarine, Alexander Henry Williams zu erobern! – Soweit zu Ihrem dreisten Antrag.

Jetzt kommen auch Sie in die Lage, in aller Muße zu überdenken, ob Sie meinem Eigensinn gewachsen sind oder doch lieber ein ruhigeres Fräulein bevorzugen – die würde nämlich einige Vorteile bieten, doch ist solch eine Dame auch nicht leicht aufzuspüren. (Ihnen würde ich es jedoch zutrauen!). Als Beispiel möchte ich meine hochverehrte Mutter erwähnen; niemals ist sie kratzbürstig, trotzig oder übelgelaunt, stets trägt sie ein sanftes Lächeln auf den Lippen, hört ihrem Gemahl geduldig zu und kann ihn bei Unstimmigkeiten ganz sachte, beinahe unmerklich für ihre Ansichten gewinnen. So zähmte sie selbst meinen leidenschaftlichen und stolzen Vater. O ja – diese vergleichsweise kurze Ehe (vierzehn Jahre) war eine unvergleichliche Romanze! Das meine ich allen Ernstes.

Nun bleibt mir noch, Ihnen, werter Herr Hofstetter, eine angenehme Zeit zu wünschen – wie Sie selbst erwähnten, werden sich unsere Wege nicht mehr kreuzen, wenn man es nicht forcieren wird.

Mit den herzlichsten Segenswünschen, Ihre Celeste Williams

P. S. Das Fräulein ‚Williams‘ erlaube ich Ihnen, getrost zu vergessen.

(Seite 31-33)

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